Nützliche Schädlinge

Marienkäfer, Florfliegen und Raubmilben vernichten Ernteschädlinge und machen Pestizide überflüssig. Doch bisweilen rotten neu eingeführte Helfer des Bauern auch heimische Tierarten aus Von Michael Miersch

© Axel Springer AG 2012. Alle Rechte vorbehalten. Quelle: http://www.welt.de/wams_print/article3876513/Nuetzliche-Schaedlinge.html

Ein paar Haferflocken hinter dem Küchenschrank genügen, um Lebensmittelmotten glücklich zu machen. Die kleinen blassbraunen Schmetterlinge haben mit der Müsli-Welle der späten 70er-Jahre einen Siegeszug durch die Haushalte angetreten und gehören inzwischen zu den ständigen Bewohnern deutscher Küchen. Dort führen sie ein anspruchloses Leben, freuen sich über angebrochene Packungen Mehl, Nudeln oder Nüsse und investieren die angefressene Energie in die Vermehrung. Geschlossene Pappschachteln sind nicht vor ihnen sicher. Nur wer alles in fest verschlossene Gefäße aus Glas oder Plastik verpackt und obendrein die Regale klinisch sauber hält, kann die Biester wieder loswerden.

 

Für alle, die ihre Küche nicht wie einen Operationssaal gestalten wollen, gibt es dennoch einen Retter: Er kommt in Form von grünen Kärtchen per Postversand ins Haus. Auf den Pappen kleben winzige Eier der Schlupfwespenart Trichogramma evanescens . Sobald die nur eine halben Zentimeter kleinen Raubinsekten schlüpfen, ist die schöne Zeit für Lebensmittelmotten vorbei. Die Schlupfwespen stürzen sich auf die Motteneier, durchstechen mit ihrer Legeröhre die Hülle und platzieren ihr eigenes Ei im Inneren. Die Larve ernährt sich vom fremden Ei. Kaum ist das fertige Insekt geschlüpft, sucht es nach Motteneiern für die nächste Generation - geleitet von einem hoch sensiblen Geruchssinn.

 

Nach zwei Behandlungen innerhalb von zweieinhalb Monaten sind die meisten Küchen frei von Lebensmittelmotten. Die menschlichen Bewohner kriegen von diesem Krieg so gut wie nichts mit.

Nicht nur in Küchen, auch in Gewächshäusern, Gärtnereien und Obstplantagen auf der ganzen Welt sorgen kleine Killertierchen dafür, dass die Ernteschädlinge nicht überhandnehmen. Die Larven von Florfliegen (siehe Fotos: 2, 4) töten Blattläuse (5, 6), Raubmilben (1) vernichten Spinnmilben, Larven von Marienkäfern (7) fressen Schmierläuse.

 

Jeder Bauer, Gärtner oder Blumenfreund kann sich die nützlichen Insekten bei zumeist kleinen und mittelständischen Zuchtbetrieben bestellen. Viele sind dem Biolandbau zugetan, für den die kleinen Raubtiere oftmals das beste Schädlingsbekämpfungsmittel darstellen. Seit einigen Jahren gehören auch Fadenwürmer zum Programm, weiße oder farblose Würmchen, von denen manche Arten Insekten umbringen.

Schädlingsvertilgende Tiere sind in der Landwirtschaft lange bekannt und wurden auch früher schon eingesetzt. Doch die Erfolge mit chemischen Pestiziden waren besser und ihr Einsatz einfacher, sodass die Nutztiere lange ein Schattendasein führten. Zwei Entwicklungen machten sie populär. Der Biolandbau und die Gemüseproduktion in großen Glashäusern der Niederlande und Belgiens. Ende der 80er-Jahre hatte der belgische Tierarzt Roland De Jonghe eine Geschäftsidee. Die Befruchtung von Tomaten und Paprika in den großen Gewächshäusern seines Landes erledigten damals Arbeiter mit einem elektrischen Bestäubungsgerät. Das war arbeitsintensiv und zeitraubend.

 

Hummeln könnten das billiger und besser leisten, dachte De Jonghe. Er fing an, Hummelvölker in Kisten zu züchten. Damit er sie ganzjährig an die Gewächshausbesitzer verkaufen konnte, erfand er eine Methode, die innere Uhr der Insekten hinters Licht zu führen. Denn normalerweise sterben Hummeln im Winter, bis auf wenige Königinnen, die in der nächsten Saison neue Völker gründen. Als De Jonghe ganzjährig seine Bestäuber anbieten konnte, waren die Gemüsezüchter begeistert. Heute verschickt die Firma Biobest die Hummeln in alle Welt.

 

Doch wer Hummeln in seinem Glashaus einsetzt, muss auf Insektengifte gegen Schädlinge verzichten. Sonst liegen die wertvollen Bestäuber eines Morgens tot am Boden. So löste die neue Bestäubungsmethode eine Revolution im gesamten Gemüsebau aus. In den riesigen Glashäusern Hollands und Belgiens spielt die chemische Schädlingsbekämpfung heute kaum noch eine Rolle. Stattdessen sorgen Schlupfwespen (3, 8), Raubmilben, Gallmücken und Marienkäfer für gesundes Gemüse.

 

Biobest eröffnete einen zweiten Geschäftszweig, den Versand von nützlichen Insekten, Spinnentieren und Würmern. Eine weise Entscheidung, denn das Monopol auf das Hummelgeschäft war bald gebrochen. Nach einigen Jahren fanden Konkurrenten ebenfalls heraus, wie man rund ums Jahr Hummelvölker am Leben erhält. Zum Schutz der billigen Bestäuber wurde die Gemüseproduktion immer giftfreier. "Diese Hummeln haben mehr für den Umweltschutz getan als viele Grüne", sagt De Jonghe.

 

Doch auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung lauerten ökologische Überraschungen. Viele Nützlinge wurden aus anderen Weltgegenden importiert und entfalteten in ihren neuen Einsatzgebieten ungeahnte Aktivitäten. Eine Schweizer Studie brachte an den Tag, dass eine aus Moldawien stammende Schlupfwespenart ( Trichogramma brassicae ) unerwünschte Nebenwirkungen zeigt. Sie verdrängt heimische Schlupfwespen und fällt harmlose Schmetterlinge an. Eigentlich sollen die räuberischen Tierchen den Maiszünsler in Schach halten: einen im Maisanbau gefürchteten Falter, dessen Raupen die Pflanzen zerstören. Zu diesem Zweck werden pro Hektar 100 Maisstärkekugeln mit Eiern auf dem Acker platziert, aus denen innerhalb von drei Wochen in mehreren Wellen die Wespen schlüpfen. Doch wenn sie ihren Job erledigt haben, lösen sie sich nicht in Luft auf. Sie breiten sich auf den Ackerrändern aus und zerstören die Eier von Schwalbenschwanz, Schachbrettfalter und anderen harmlosen Schmetterlingen. In der Umgebung des Einsatzgebietes schrumpft der Bestand heimischer Schlupfwespenarten, stellte das Forscherteam um den Agrarökologen Franz Bigler fest. Das ist kein Desaster, doch es zeigt, dass auch Nützlinge Tücken haben können.

 

Obendrein wirft der Befund ein Licht auf die Diskussionskultur in Sachen Grüne Gentechnik. Der in Deutschland mittlerweile verbotene Bt-Mais enthält ein Bakterienprotein, das jenen Maiszünsler tötet, gegen den auch die Schlupfwespen eingesetzt werden. Man stelle sich vor, der genveränderte Mais würde ähnliche ökologische Folgen verursachen wie das Insekt. Wie würden Gentechnikgegner und Politiker reagieren?

 

Insekten, Spinnentiere und Fadenwürmer werden an vielen Orten der Welt ausgesetzt, um Obst, Gemüse und Ackerpflanzen von Schädlingen zu befreien. Zwar gibt es in Deutschland und anderen Staaten Vorschriften, dass die Nebenwirkungen vor dem Einsatz überprüft werden müssen. Doch offenbart sich dabei ein Widerspruch. In der Debatte um die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Es werden jedoch fremde Organismen ausgebracht, ohne nach Konsequenzen zu fragen.

 

Dabei hat die biologische Schädlingsbekämpfung in vielen Ländern nachweislich fatale ökologische Kettenreaktionen ausgelöst. Das berühmteste Beispiel sind die Aga-Kröten in Australien. Sie waren eingeführt worden, um den Zuckerrohrkäfer zu fressen. Doch der Käfer ist tagaktiv, die Kröte jagt in der Nacht. Dennoch vermehrten sich die Kröten prächtig, denn sie fraßen andere harmlose Kleintiere. Da sie giftig sind, starben auch größere Tiere, die die Kröten fraßen.

 

Ähnlich desaströs verlief der Import von Mungos nach Jamaika. Nachdem sie wunschgemäß die Rattenplage beseitigt hatten, fielen sie über andere Kleinsäuger und Vögel her. Gleichzeitig breitete sich eine andere Rattenart aus, die so gut klettern kann, dass sie den Mungos entwischt. Rüsselkäfer, die in Nordamerika eingeschleppte Distelarten wegfressen sollten, bekamen nach ein paar Jahren auch Appetit auf seltene einheimische Disteln. "Auch Bio-Methoden können unsere Umwelt gefährden und nicht nur Gentechnik oder die chemische Keule", sagt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. "Die Eigenschaft 'biologisch' ist keineswegs gleichbedeutend mit 'ökologisch neutral'."

 

Das trifft besonders auf die ostasiatische Marienkäferart Harmonia axyridis zu, die 1916 in Nordamerika und 1982 in Europa eingeführt wurde. Sie ähneln gelegentlich unserem Siebenpunkt-Marienkäfer, doch ihr Aussehen ist sehr variabel. Von der normalen Marienkäferfarbe bis zur völligen Umkehrung der Zeichnung (schwarz mit roten Punkten) oder ganz fleckenlosen Exemplaren kommt alles vor. Die Gärtner setzen sie gegen Blattläuse ein. Doch sie fressen auch Eier und Larven heimischer Marienkäfer, von Schmetterlingen und Nutzinsekten. Im Herbst ernähren sie sich gern von dem süßen Obst, das sie schützen sollen. "Wir sehen ihn noch nicht als Schädling an", sagt Stefanie Hahn vom Julius-Kühn-Institut, dem Bundespflanzenforschungsinstitut.

 

Ob er sich vom Nützling zum Schädling entwickeln wird, ist noch offen, denn die Entwicklung von Insektenpopulationen ist sehr schwer vorauszusagen. Oft vermehren sie sich drei oder vier Jahre extrem erfolgreich und brechen dann zusammen. "Fakt ist, sie sind da", sagt die Biologin, "und das kann man nicht mehr rückgängig machen." Die Probleme mit dem Asienkäfer seien noch nicht dramatisch, müssten aber genau beobachtet werden.

 

Wirtschaftlichen Schaden erlitten zunächst nur einige Winzer. Wenn mehr als vier bis acht Käfer auf 100 Trauben kommen, verdirbt das den Geschmack des Weines. Denn wenn das Insekt mit den Beeren zerquetscht wird, gibt es ein ranzig riechendes Alkaloid ab. Lästig wird das Insekt auch in Städten. Dort sammeln sich die Käfer zu Zigtausenden an Hauswänden oder dringen in Wohnungen ein. Wegen des stinkenden Körpersaftes und eventueller Allergien empfehlen die Experten des Kühn-Instituts, die Lästlinge mit dem Staubsauger einzufangen und dann in der Gefriertruhe zu vernichten. Auflesen mit der Hand ist nicht zu empfehlen, denn die Käfer können die Haut durchbeißen und lecken Blut.

 

In Deutschland wurde Massenbefall bisher in Frankfurt und Hamburg beobachtet. Für Deutschland sieht Stefanie Hahn noch keinen Grund, drastische Maßnahmen zur Bekämpfung der Asiatischen Marienkäfer zu ergreifen. "Es sieht im Moment nicht danach aus, dass sie die einheimischen Marienkäfer ausrotten", sagt sie. In den meisten Fällen nähmen neue Arten nicht überhand, sondern fügten sich in die einheimische Fauna ein. "Allerdings", erläutert sie, "sollten wir über biologische Schädlingsbekämpfung intensiver nachdenken."

 

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Quelle: http://www.welt.de/wams_print/article3876513/Nuetzliche-Schaedlinge.html


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